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Mittwoch, 19. Januar 2022

Leitbild des EHS-Betroffenenbeirates

1. WER SIND WIR?

Wir Betroffenenbeiräte des Ergänzenden Hilfesystems für Missbrauchsopfer äußern uns im Sinne einer Unterstützung aus Sicht von Opfern und Mitbetroffenen zum Thema und beantworten die Fragen, die sich mit Ergänzenden Hilfen beschäftigen. Zu uns gehören sowohl Einzelbetroffene, betroffene Mitglieder von Initiativen und Vereinen, als auch Mitbetroffene, einige von uns sind in informellen Opfernetzwerken.

Wir verstehen uns als ErfahrungsexpertInnen und engagieren uns ehrenamtlich. Manche von uns saßen mit am Runden Tisch „Sexueller Kindesmissbrauch in Abhängigkeits- und Machtverhältnissen in privaten und öffentlichen Einrichtungen und im familiären Bereich“, andere arbeiten in Gremien des UBSKM mit. Der Betroffenenbeirat bildete sich aus Personen, die an den Jour-Fixes teilnahmen, zu denen der UBSKM 2012 eingeladen hatte, später stießen weitere Mitglieder dazu.


2. WAS TUN WIR? 

Wir alle sind betroffenenpolitisch aktiv und engagieren uns in verschiedenen Feldern, um die Perspektive von Missbrauchsopfern in Gesellschaft und Politik einzubringen. Gemeinsam arbeiten wir an Projekten mit, die die Arbeit des Ergänzenden Hilfesystems berühren. Themen sind:

  • Aufarbeitung
  • Strafrecht 
  • Gesundheitspolitik
  • Hilfen 
  • Prävention

Der EHS-Betroffenenbeirat achtet auf eine gute Vernetzung mit Opfern und Mitbetroffenen, NGOs, Fachwelt, Politik und Medien, um ein möglichst umfassendes Bild über Bedarfe und Anliegen zu erhalten und zu einem sinnvollen Informationsfluss beizutragen.


3. WELCHE ZIELE WOLLEN WIR ERREICHEN? 

  • Verbesserung der Lebensbedingungen für Betroffene
  • Enttabuisierung des Themas
  • Aufarbeitung des Phänomens „sexueller Missbrauch“
  • Stigmatisierung entgegenwirken
  • Reduktion des Phänomens Missbrauch
  • Verbesserungen bei Gesetzgebung und juristischer Praxis
  • Politische Beteiligung der ErfahrungsexpertInnen (Betroffenen)
  • Umsetzung der Empfehlungen des Runder Tisch Kindesmissbrauch  
  • Eine langfristige politische Einbindung der ErfahrungsexpertInnen (Betroffenen) 

4. WIE SEHEN WIR UNSER MITEINANDER UND UNSERE ZUSAMMENARBEIT?

Wichtig ist uns eine konstruktive und respektvolle Zusammenarbeit. Wir legen Wert auf einen wertschätzenden und anerkennenden Umgang miteinander. Das betrachten wir als Selbstverpflichtung. Dadurch kann Vertrauen wachsen. Die Aufarbeitung unserer eigenen Geschichte steht dabei nicht  im Mittelpunkt. Wir sind sehr vorsichtig damit, andere mit ihr zu konfrontieren. In der eigenen Aufarbeitung musste jeder von uns erkennen, dass sexueller Missbrauch systemisch ist und nur systemisch funktionieren kann. Demzufolge ist die Abgrenzung zu TäterInnen, den MittäterInnen, den (mitunter) ebenfalls  systemisch abhängigen Menschen (in den meisten Fällen Familienmitglieder) ein  Prozess, an dessen Ende im Idealfall das komplette Loslassen von allen  unmittelbar und mittelbar Mitwirkenden an diesem System stehen sollte. 

Dadurch, dass wir alle über unsere Zusammenarbeit beim Fonds Sexueller Missbrauch – Ergänzendes Hilfesystem hinaus noch in verschiedenen anderen Netzwerken aktiv tätig sind, ist es für uns möglich, schnell gezielt Informationen von unseren KooperationspartnerInnen einzuholen. Das Spektrum der Betroffenengruppen, die wir auf diese Weise einbeziehen, reicht von Opfern aus dem familiären Umfeld, über solche verschiedener Institutionen, von Fremdtätern bis hin zu Menschen, die als Kinder im Zuge komplexen Verbrechens missbraucht wurden: als Opfer von organisierter sexueller Ausbeutung, ritueller Gewalt oder sektenähnlichen Missbrauchs.


5. UNSERE GRUNDEINSTELLUNGEN UND WERTE 

Wir stehen in der Arbeit unseres Beirates für demokratische und rechtsstaatliche Prinzipien ein. Wir wenden uns entschieden gegen rassistische, antisemitische, sexistische oder homophobe Einstellungen. Wir arbeiten grundsätzlich nur mit Personen und Gruppen zusammen, an deren demokratischer und rechtsstaatlicher Orientierung wir keine Zweifel haben. Eine Kooperation mit extremistischen oder sektenähnlichen Organisationen oder Einzelpersonen kommt für uns nicht in Frage. Sexuellen Missbrauch sehen wir als gesamtgesellschaftliches Phänomen an, das weit verbreitet ist und überall vorkommt. Unabhängig vom sozialen, ethnischen, religiösen oder politischen Kontext oder der Geschlechterzugehörigkeit von Opfern und TäterInnen. Gewalt ist allgegenwärtig; sexuelle Gewalt nur eine ihrer brutalsten Formen. Wir haben als Ziel eine Gesellschaft, die ihre Konflikte ohne Gewalt lösen kann und Schwache wirklich schützt.

Wir haben das System des Machtmissbrauchs reflektiert, in dem wir der uns angetanen Verbrechen ausgesetzt waren und führen unser Leben weitestgehend, ohne diese Gewaltmechanismen im Umgang mit anderen zu reproduzieren. Dadurch, dass wir schon in der Kindheit und/oder Jugend geschädigt wurden, sind wir in der Lage zu sehen, dass Übergriffigkeit und alle Arten von Gewalt in vielen Bereichen unserer Gesellschaft noch immer Interessenkonflikte in Machtkämpfe umwandeln. Von diesen Methoden und denen, die sie ausüben, halten wir uns fern. Wir sind der Ansicht, dass es für ein so komplexes Problem wie Sexualstraftaten wider das sexuelle Selbstbestimmungsrecht von Kindern und Jugendlichen keine einfachen Lösungen geben kann und die Missbrauchsbekämpfung etwas ist, was nur langfristig gelingen wird, wenn viele gesellschaftliche Gruppen konstruktiv und friedlich zusammenarbeiten.


31.Januar 2020

Für den Betroffenenbeirat:

Jacqueline Ehmke, Maren Ruden
Vorsitzende
Jörg-Alexander Heinrich, Angelika Oetken
SprecherInnen